Wie eine Arbeitsmarktkontrolle abläuft – Unterwegs mit Inspektor Marcel Mühlemann
Marcel Mühlemann ist seit ein paar Jahren als Arbeitsmarktinspektor bei der Arbeitsmarktkontrolle Bern tätig. Jeden Tag kontrolliert er, ob Firmen den Gesamtarbeitsvertrag einhalten und ob Schwarzarbeit im Spiel ist – auch im Auftrag der ZPK Reinigung. Im Gespräch erklärt er, was seinen Beruf ausmacht und wie eine Kontrolle abläuft.
Vom Polizisten zum Arbeitsmarktinspektor
Marcel Mühlemann war zwanzig Jahre lang bei der Kantonspolizei Bern tätig. Danach folgte eine Auszeit im Ausland. Zurück in der Schweiz suchte er eine neue Aufgabe und stiess «eigentlich per Zufall» auf die Arbeitsmarktkontrolle. Heute kontrolliert er im Kanton Bern, ob die Bestimmungen des Gesamtarbeitsvertrags eingehalten werden und ob alle Mitarbeitenden ordnungsgemäss angestellt sind.
Seine frühere Tätigkeit kommt ihm in seinem neuen Beruf zugute. "Ich kann eine Situation gut einschätzen", sagt er. "Und: ich bin vielleicht etwas skeptischer und schaue genauer hin."
Was diesen Beruf ausmacht
Eine spezifische Ausbildung zum Arbeitsmarktinspektor gibt es nicht. Was zählt, sind andere Qualitäten: Erfahrung im Umgang mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Lebenslagen, Fremdsprachenkenntnisse, ein ruhiges aber bestimmtes Auftreten und die Bereitschaft, viel draussen zu arbeiten – im Winter wie im Sommer, bei Wind und Wetter.
Wie eine Kontrolle abläuft
Eine typische Kontrolle beginnt damit, dass Marcel Mühlemann an einen bestimmten Ort fährt – entweder geplant nach einem Auftrag des Amts für Wirtschaft, gestützt auf eine konkrete Meldung oder im Rahmen der geplanten Stichprobenkontrollen.
Vor Ort weist er sich mit einem amtlichen Ausweis aus und erklärt den Grund seines Besuchs. Anschliessend verlangt er von jeder anwesenden Person ein Identitätsdokument. Die eigentliche Arbeit der kontrollierten Firma läuft unterdessen weiter.
Im nächsten Schritt eröffnet er vor Ort einen Rapport:
Wer ist anwesend?
Wurde die Firma schon einmal kontrolliert?
Stimmen die Ausweise mit den Personen überein?
Anschliessend befragt er jede Person einzeln zu ihren Lohn- und Anstellungsbedingungen. Damit ist der Teil vor Ort abgeschlossen.
Was nach der Kontrolle passiert
Bevor Marcel Mühlemann geht, macht er meist ein, zwei Fotos der Situation. Eine Beschreibung in Worten lässt zu viel Spielraum – ein Foto zeigt unmissverständlich, was er angetroffen hat. Damit erleichtert er die Arbeit derjenigen, die den Fall im Büro weiterbearbeiten.
Die Detailarbeit beginnt anschliessend zu Hause. Noch am gleichen Tag schreibt er den Rapport fertig und fügt die Beilagen bei – Ausweiskopien, Fotos, allenfalls einen Handelsregisterauszug. Über Nacht wird der Rapport ins Büro übermittelt und am nächsten Tag von den Mitarbeitenden weiterbearbeitet. Diese prüfen jetzt, ob die Unterlagen vollständig sind, schreiben die kontrollierte Firma an und fordern weitere Dokumente ein – Lohnabrechnungen, Arbeitsverträge, Sozialversicherungsbelege.
Ein Teil seiner Arbeitswoche besteht aus festen Aufträgen, die Marcel Mühlemann über das Meldeportal des Amts für Wirtschaft erhält. Der konkrete Verdacht auf einen Verstoss entsteht erst während der Kontrolle selbst. Wenn er die Ausweise einfordert oder die ersten Fragen zu den Lohn- und Anstellungsbedingungen stellt und eine kontrollierte Person keine klare Antwort geben kann oder die Aussagen widersprüchlich sind, schaut er genauer hin. Er nennt es das «Gesamtbild»: Es ist selten ein einzelner Punkt, sondern die Summe vieler kleiner Beobachtungen, die zusammen ein Bild ergeben.
Was Marcel Mühlemann in der Reinigung häufig antrifft
In der Reinigungsbranche trifft Marcel Mühlemann immer wieder ähnliche Konstellationen an. "Häufig sind es Personen, die nicht ordnungsgemäss angemeldet sind, oder Mitarbeitende ohne gültige Aufenthaltsbewilligung", sagt er. Ein besonderes Muster sind die sogenannten «Probetage» oder «Schnupperwochen»: Wenn er nach den Anstellungsbedingungen fragt, erklären kontrollierte Personen, sie würden gerade nur einen Probetag oder eine Schnupperwoche absolvieren – tatsächlich arbeiten sie jedoch oft schon länger in der Firma.
Wie die kontrollierten Menschen reagieren
Die Reaktionen der kontrollierten Personen sind sehr unterschiedlich. Die meisten sind kooperativ, beantworten die Fragen und legen ihre Dokumente vor.
Manche fragen zuerst, warum gerade sie kontrolliert würden – dann erklärt Marcel Mühlemann, dass es sich um eine geplante Kontrolle handelt und schildert kurz, weshalb solche Kontrollen durchgeführt werden. Andere reagieren mit Skepsis, und wieder andere versuchen gar, sich der Kontrolle zu entziehen.
Auch wenn die kontrollierten Personen manchmal etwas ungehalten reagieren – es gibt auch die anderen. Was Marcel Mühlemann besonders freut, sind die positiven Rückmeldungen. Es gebe durchaus Kontrollen, bei denen ihm Mitarbeitende sagten, es sei gut, dass jemand überprüfe, ober der GAV eingehalten werde. "Solche Reaktionen kommen häufiger vor, als man denkt", sagt Mühlemann. Insgesamt sei der Umgang mit den Leuten in seinem Fall meistens problemlos.
Mit seiner Arbeit trägt Marcel Mühlemann dazu bei, dass der Gesamtarbeitsvertrag in der Reinigungsbranche nicht nur auf dem Papier steht. Jede Kontrolle vor Ort sorgt mit dafür, dass Mitarbeitende den korrekten Lohn erhalten und Sozialleistungen ordnungsgemäss abgerechnet werden – und damit, dass die Regeln des GAV im Alltag tatsächlich gelten.